Keine Seilbahn zur Wartburg
Montag, 21. 04. 2008 von Roland MischkeNach Dresden ist nun am letzten Wochenende auch die Wartburg bei Eisenach in die Kritik internationaler Denkmalschützer geraten.
Die Wartburg, auf der Martin Luther sich 1521/22 vor seinen Schergen versteckt hielt und als Junker Jörg die Bibel ins Deutsche übersetzte, lebte stets vom Nimbus ihrer Uneinnehmbarkeit. Die Burg auf dem Wartberg wurde nie komplett zerstört. Anfang des 13. Jahrhunderts trugen dort Minnesänger einen Wettstreit zwischen Minnesängern aus, unter ihnen Walther von der Vogelweide – ein kultureller Quantensprung. Den „Sängerkrieg“ thematisierte der Komponist Richard Wagner in seiner Oper „Tannhäuser“. Keine deutsche Burg zehrt von einer größeren Berühmtheit, Zehntausende besuchen sie jährlich.
Michael Petzet, Chef des Internationalen Rates für Denkmalpflege (ICOMOS) und deren deutscher Sektion, wies am letzten Wochenende darauf hin, dass nun auch die Entwicklung rund um die Wartburg in den Fokus der internationalen Kritik geraten sei. Der langjährige Museumsmanager und bayerische Landeskonservator nannte zuerst die vielen Windräder, deren weiterer Ausbau bereits vor Gericht verhandelt werde. Er warnte davor, nun auch noch den Bau der geplanten Seilbahn anzugehen. Beide Entwicklungen beeinträchtigten den Status als Weltkulturerbe der Unesco.
ICOMOS gehören 150 Landeskomitees mit cirka 8000 Mitgliedern an. Auf den internationalen Generalversammlungen der Organisation werden rund 150 Fälle weltweit verhandelt, jetzt in Berlin. ICOMOS verwaltet derzeit 851 Weltkulturerbestätten, davon 32 in Deutschland. Michael Petzet ist sicher, dass bei der nächsten Zusammenkunft in Quebec (Kanada) der Dresdner Elbtallandschaft der Status des Welterbes abgesprochen wird; entsprechende Warnungen hatte es in den letzten Wochen zahlreich gegeben. Das könne nur ein sofortiger Baustopp für die Waldschlösschenbrücke verhindern. Doch auch nach dem ruhmlosen Abgang des sächsischen Ministerpräsidenten Georg Milbradt sieht es nicht danach aus, dass in Dresden Vernunft einkehrt. Trotzdem hat sich Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) in einem Schreiben an ihren sächsischen Kollegen Geert Mackenroth (CDU) gewandt, an die Tunnel-Alternative erinnert und angekündigt, bei dieser Variante können der Bund „einen namhaften Anteil der Mehrkosten“ übernehmen; eine solche Offerte kam noch nie aus Berlin. „Der Erhalt des Welterbestatus liegt wegen des universellen Wertes des Dresdner Elbtals im nationalen Interesse“, formuliert die Ministerin.
In Berlin wurde von ICOMOS der Weltreport 2006/07 vorgestellt. Einzelobjekte in 40 Ländern gelten in ihrem Status als Weltkulturerbe gefährdet, so etwa die Jahrtausende alten Felsmalereien in Nordafrika und Australien. Als herausragendes Beispiel der Denkmalpflege wird der Wiederaufbau der abgebrannten Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar aufgeführt. Kritisch dagegen wird die Entwicklung auch in Dessau betrachtet, weil dort teilweise zerstörte Meisterhäuser aus der Bauhaus-Periode nach einem Architekturwettbewerb in zeitgeistiger Bauweise, nicht nach Originalplänen ergänzt werden sollen. Nur der Wiederaufbau, zumindest die Konservierung der unsachgemäßen An- und Umbauten aus DDR-Zeit sei für ICOMOS vertretbar. Auch die Pläne für eine Rheinbrücke nahe der Loreley und die völlige Kommerzialisierung des Münchner Olympia-Parks bringen die Denkmalschützer in Rage.
Noch größer sind die Probleme anderswo. In St. Petersburg will der Konzern Gazprom einen überdimensionalen Glasturm errichten, der die Altstadt der Newa-Metropole in den Schatten stellen würde. In Prag sind ebenfalls Wolkenkratzer geplant, die am Rand des historischen Stadtkerns aufgestemmt werden sollen und seine Substanz massiv gefährden würden. Auch Florenz hat ein Problem: Die Stadtväter planen ein Netz von Straßenbahnlinien direkt durch den historischen Kern, der dadurch irreparabel zerstückelt würde. In Istanbul wollen Investoren eine Kette von Hochhäusern bauen, die den jahrhundertealten Blick auf das Ensemble aus Sultanspalast, Hagia Sophia und Blauer Moschee zerstören würden. Im japanischen Hiroshima soll pietätlos ein Hochhaus direkt neben die Ruine des Genbaku-Doms gesetzt werden, der Erinnerungsstätte des Atombombenabwurfs 1945 durch die USA.
Roland Mischke

