Kein Platz für Tom Cruise
Mittwoch, 4. 07. 2007 von Roland MischkeTom Cruise will den deutschen Widerstandskämpfer Graf Stauffenberg spielen und dafür an Originalschauplätzen in Berlin drehen. Doch die deutschen Behörden verweigern es ihm. Der Grund: Cruise ist Scientologe.
Der Bendlerblock am Berliner Tiergarten ist ein furchterregender Ort. Wer aus dem Grün des Parks in die beklemmende Atmosphäre des kopfsteingepflasterten Hofes tritt und über die Fassaden des quadratischen Baus seine Blicke schweifen lässt – offizielle Bezeichnung: Gedenkstätte Deutscher Widerstand –, kann ein wenig nachempfinden, was Claus Schenk Graf von Stauffenberg empfunden haben muss, als er 1944 hier mit seinen Mitstreitern nach einem Schnellprozess gefesselt in die Hofmitte geführt wurde. Stauffenberg hatte das – missglückte - Attentat auf Hitler an diesem Ort geplant. Unterhalb seines Büro wurde er erschossen.
Sektenexpertin verkündet Verbot
Tom Cruise (44) will am Originalplatz seinen Film „Valkyrie“ drehen, in dem er Stauffenberg verkörpert. Doch die Sektenexpertin Antje Blumenthal (CDU) erklärte, das Verteidigungsministerium werde dazu nicht die Erlaubnis erteilen. Das Drehbuch kennt sie nicht, sie urteilt nur aufgrund der Tatsache, dass Cruise bekennender Scientologe ist. Am Dienstag erhielt Cruise auch von der Polizei eine Abfuhr. Er hatte Aufnahmen auf dem Gelände der Direktion 5 in Kreuzberg beantragt. Die Begründung eines Polizeisprechers im Beamten-Kyrillisch: „Wir haben den Antrag geprüft, mussten im Ergebnis aber feststellen, dass die Beeinträchtigungen für die auf dem Gelände tätigen Dienststellen so gravierend wären, dass wir diesen Antrag nicht befürworten konnten.“ Gewöhnlich ist Berlin stolz darauf, die Kulisse für Filmaufnahmen abgeben zu dürfen.
Behörden machen Cruise zum Märtyrer
Keine Frage, Tom Cruise ist ein aggressiver Scientologe. Er hat den sekteninternen Rang des Operierenden Thetans der Stufe VII erklommen, ist damit Herrscher über Leben, Denken, Materie, Energie, Raum und Zeit. Für die Sekte ist er „offizieller Botschafter“, er missioniert, indem er gelegentlich Journalisten, die mit ihm reden wollen, nötigt, sich zuvor in Scientology-Einrichtungen einzufinden und belehren zu lassen. Berlin ist an diesem Punkt sensibel, Anfang des Jahres eröffnete in der City West eine mit viel Geld und Pomp gebaute Zentrale der Sekte.
Doch die Behörden machen Cruise zum Märtyrer. Schon triumphieren die deutschen Scientologen, der Hollywood-Mann werde verfolgt wie einst Graf Stauffenberg, er selbst sieht sich wohl inzwischen sogar als so etwas wie dessen Nachfolger. Sektenmitglieder orten in Deutschland überall Nazis. Es läuft also ein Spiel, aus dem Tom Cruise als Sieger hervorgehen wird, denn er wird bisher eindeutig auf Grund seiner religiösen Haltung am Drehen gehindert. Das ist fatal, weil Vergleiche zum Dritten Reich nahe liegen.
„Mehr wert als zehn Weltmeisterschaften“
Oscar-Gewinner Florian Henckel von Donnersmarck geißelte dieser Tage die „deutsche Verbotsgeilheit“. Trage der größte Star des US-Kinos das Bild des deutschen Widerstandskämpfers Stauffenberg in die Welt, sei das mehr wert „als zehn Fußballmeisterschaften“. Auch der Berliner Produzent Nico Hoffmann, der 2004 den Fernsehfilm „Stauffenberg“ noch im Bendlerblock drehen durfte (mit Sebastian Koch in der Hauptrolle), nennt das ganze Verfahren „heuchlerisch“. Zudem wurden von den Behörden Grenzen überschritten. So residiert Verteidigungsminister Franz Josef Jung zwar im Bendlerblock, aber der historische Hof mit dem Denkmal des nackten Antifaschisten wird von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben im Finanzministerium verwaltet. Mangelnde Absprachen, Behördenwirrwarr – peinlich.
Die Bedenkenträger zweifeln an der Fähigkeit von Tom Cruise, den inneren Wandel Stauffenbergs vom überzeugten Nazi zum Widerstandskämpfer darstellen zu können. Aber der Schauspieler gilt als einer der größten Charakterdarsteller unserer Zeit, auch wenn das Casting im Verteidigungsministerium ihn ausgesondert hat. Cruise gibt angeblich noch nicht auf. Christoph Fisser, stellvertretender Vorstandschef beim Hollywood-Partner Studio Babelsberg, sagt, man sei weiter auf „der Suche nach Filmlocations“ in der Hauptstadt. Diesmal soll Stillschweigen vereinbart worden sein, auch mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Erst wenn die Genehmigungen erteilt sind, wird darüber gesprochen. Und vielleicht doch noch gedreht ab 18. Juli, dem Beginn der Dreharbeiten.
Roland Mischke/Berlin


Donnerstag, 5. 07. 2007 @ 15:59
[…] Das alles ist eigentlich, finde ich, auch ganz in Ordnung so. Und wären alle so un-aufgeregt geblieben wie Jung in der Notiz, in der er darüber informierte, dass er von seinem Hausrecht Gebrauch zu machen gedenke, dann wäre an dem Fall nicht viel Interessantes oder gar Kontroverses. Aber un-aufgeregt sind mittlerweile nicht mehr viele, und es ist eine Diskussion entbrannt, an der mindestens drei Aspekte nun doch sehr interessant sind. (Ich beschränke mich hier übrigens auf die Seite derjenigen, die Cruise zu Hilfe eilen und den Verteidigungsminister kritisieren und widme mich demnächst mal der anderen Seite.) […]