Zurück zur Stunde Null
Freitag, 8. 06. 2007 von Roland MischkeNächste Woche beginnt die documenta 12 in Kassel: Es geht um Lernprozess und Lustgewinn, aber Genaues wissen wir noch nicht.
Was hat Kochen mit Physik und Kunst zu tun? Sehr viel. Roger M. Buergel, 44, Leiter des diesjährigen Kunstfestivals, ortet Kunst auch am Herd. Mit der Wahl eines Kochs als Stargast erweitert er den Kunstbegriff auf spektakuläre Weise und setzt auf Alltagskultur. Im Restaurant „El Bulli“ des mit Weltruhm belegten spanischen Kochs Ferran Adrià sieht Buergel ein Gesamtkunstwerk, dessen Kreationen in Topf und Pfanne wird er in Kassel präsentieren. Das Besondere an Adrià: Er verbindet Wissenschaft und Gourmetküche, kocht mit Physik. Das Ergebnis heißt molekulare Gastronomie, geschaffen mit Destillierschlangen, Temperatursonden oder Rotationsdampfern. Angeblich nutzt der Spitzenkoch dabei Erkenntnisse der Ernährungswissenschaft, sein Essen ist also auch noch gesund. Guten Appetit!
Roger M. Buergel hat für seine Vorbereitungszeit das Bild des Schwimmens gefunden: Erst ging es leicht, dann wurde es anstrengend, und ab einem bestimmten Punkt zum Rausch. Jetzt hofft er, dass die documenta, „ein deutscher Bildungsmythos“, wieder viele Menschen anzieht, „die sich sonst nie Gegenwartskunst ansehen. Diese Besucher brauchen tatsächlich die Vorstellung, dass Gegenwartskunst sich nicht nur an ein Fachpublikum richtet, sondern mit Fragen arbeitet, die alle betreffen“, erläutert er.
Das Besondere an Buergel: Er geizt mit Künstlernamen. „Was soll da eine Liste – ich bin doch kein Buchhalter!“ verblüfft er die geneigten documenta-Pilger. So kann sich bisher niemand richtig vorstellen, wie diese Ausstellung aussehen wird. „Mir erscheint das In-die-Welt-Stellen einer documenta als der radikalste Schritt… Das ist ein Mysterium… ein bisschen wie eine Revolution…“, so Buergel weiter. Er bezieht sich auf die documenta von 1955, als der geniale Ausstellungsmacher Arnold Bode den Zugereisten erstmals ein (temporäres) Museum für Gegenwartskunst vorstellte. Buergel will zurück zur Stunde Null, er will überraschen und definierten Sehweisen etwas Neues entgegenstellen. Er gebraucht gern Begriffe wie „Lernprozess“ und „Lustgewinn“. Man darf gespannt sein auf den Knall der Wundertüte.
Wir wissen, dass das Museum Fridericianum, die Neue Galerie, Schloss Wilhelmshöhe, ein Einkaufszentrum und der neu geschaffene „Aue-Pavillon“ mit gläserner Haut bespielt werden. Es gibt keinen kiloschweren Katalogbrocken, sondern nur eine handliche Werkliste mit kurzen informativen Texten und Abbildungen. Buergel hat viel mit den Einwohnern Kassels zusammen gearbeitet, vor allem in sozialen Brennpunkten, Komplementärausstellungen werden dort zu sehen sein.
Noch nie waren die Leitmotive einer documenta drei Fragen wie diese: „Ist die Moderne unsere Antike? Was ist das bloße Leben? Was tun?“ Buergel dazu lapidar: „Die Leitmotive der documenta deuten Zusammenhänge an.“ Drei Magazine sollen das genauer erklären. Im ersten Magazin schwärmt Buergel von der documenta 5 und kündigt an, dass die documenta 12 Auskunft geben wird, „welche Werke und künstlerischen Gesinnungen den Ausgangspunkt für das geben, was wir als Kunst der Gegenwart bezeichnen“. Da hat sich einer in den Rausch geschwommen. Trotz Buergels Geheimnistuerei ist durchgesickert, dass der Reigen der Kunstwerke von verzerrten arabischen Gitarrenklängen über thailändischen Streupuder, ein Flüchtlingsboot aus Afrika, Kriegsfotografie und Skulpturen bis zur künstlerischen Auseinandersetzung mit Polit-Slogans reichen wird. Die Objekte sollen nicht zu begrenzen sein auf geographische oder kunsthistorische Räume, ihr Anspruch ist gesellschaftlich und global.
Die Zwölfte
Der gebürtige Berliner Roger M. Buergel lebt in Wien, wo er die Kunstzeitschrift „Springerin“ herausgibt. Seine Berufung in die documenta-Leitung vor vier Jahren war eine Überraschung, bisher war er nur Kurator kleinerer Ausstellungen. Er leitet die Schau gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Ruth Noack. Sein erklärtes Ziel ist eine stärkere Einbindung des Kunstfestivals in soziale und politische Kontexte. Die documenta findet alle fünf Jahre statt, diesmal vom 16. Juni bis 23. September, www.documenta.de.
Roland Mischke

